Warum Krisenintervention

Warum professionelle Krisenintervention?

Die Erfahrung zeigt, dass nirgendwo anders als in einer Krise, Menschen so sehr bereit sind, inne zu halten, und ihre gewohnten Muster der Problemlösung, ehrlich zu betrachten. Und zu keiner anderen Zeit geschehen in so dichter Zeit so tiefgreifende Lernprozesse, die eine Neuanpassung an die bestehenden Herausforderungen ermöglichen. Das Wagnis einzugehen, sich auf Neues, Unbekanntes einzulassen braucht viel Mut. Es braucht auch Mut, Hilfe zu holen. Sich einzugestehen, dass man den Überblick verloren hat, dass man allein nicht mehr weiter kommt, dass man selber nur noch in einem Tunnel stecken geblieben ist. Krisen sind im positiven Sinne Zeichen von Lebendigkeit.

Diese Lebendigkeit ist herausfordernd, anstrengend und manchmal auch erschöpfend. Und doch sind die meisten Krisen Folgen von ganz normalen Übergängen im Leben. Nirgendwo sonst lässt sich die Wirkung von engagierter Hilfe unmittelbarer erkennen.

Wodurch unterscheiden sich „Krise“ und „Notfall“

Bei einer „Krise“ ist es noch möglich, sich mitzuteilen und verbindliche Abmachungen einzugehen; es besteht eine Verunsicherung im eigenen psychischen Gleichgewicht. Beim „Notfall“ ist die Gefährdung bereits derart, dass es nicht mehr oder nur noch sehr bedingt  möglich ist sich mitzuteilen, respektive verbindliche Abmachungen einzuhalten.
Wenn in einer Krisen- beziehungsweise einer Notfallsituation professionelle Hilfe angefordert wird, gehen wir davon aus, dass Sie als Betroffene wie auch Ihr Umfeld Ihre Möglichkeiten der Bewältigung ausgeschöpft haben. 

Deshalb nehmen wir an, dass nicht nur Sie, sondern auch Ihre Angehörigen Unterstützung brauchen. In einer Nofallsituation ist dies immer der Fall.

Wie kommt es zu einer Krise?

Krisensituationen betreffen immer eine äußere wie auch eine innere Ebene. Wir unterscheiden diese beiden Ebenen und sprechen darum von psychosozialen Krisen. Diese entstehen bei einem Missverhältnis von persönlicher Belastung und vorhandenen Ressourcen. Meistens sind Beziehungskonflikte, Verlusterlebnisse oder andere äußere Belastungen Auslöser. Entwicklungskrisen sind häufig geprägt durch Suizidalität sowie einer massiven Überforderung der Betroffenen, wie auch deren Umfeld.

Davon werden Posttraumatische Krisen unterschieden. Diese treten teils direkt nach einem überwältigenden Vorfall auf, teils auch erst nach Jahren.

Psychische Krisen gründen gewöhnlich in Bereichen, von früher erlittenen psychischen Verletzungen und/oder Erkrankungen. Sind solche psychische Erkrankungen bekannt, werden die Krisen „Rückfälle“ genannt. Durch das normale Auftreten von Krisen bei Lebensübergängen, gehören Rückfälle zum normalen Verlauf einer chronischen gesundheitlichen Problematik. Krisen wie sogenannte Rückfälle  bedeuten dementsprechend kein Versagen des Betroffenen, seines Umfeldes oder der involvierten Helfer.

Was geschieht unter einer kritischen Belastung?

Menschen reagieren auf ihre individuelle Art und wenden entsprechend vielfältige Strategien zur Bewältigung der Situation an. Zentral ist hier die Frage, ob die Suche nach einer Lösung gelingt oder scheitert. Jeder kann in eine Krise geraten. Auf den heutigen, zunehmenden Leistungsdruck sowie den raschen Wertewandel, reagieren viele Menschen mit Verunsicherung. Die zunehmende soziale Isolierung verstärkt das Vorkommen von Krisen zusätzlich. Der steigende Druck, die Angst vor sozialem Abstieg und vor Ausgrenzung widerspiegelt sich in der Intensität der entsprechenden Krisensymptome, welche nicht nur psychisch sondern auch physisch eine Gefährdung für die Betroffenen, wie teilweise auch für deren Umfeld, werden können.

Eine erhöhte innere Aktivierung mit entsprechend hoher Anspannung ist eines der Stresssymptome, welche eine Krise prägen.
Folgen solch hoher Anspannungen sind:

  • Verwirrung und Orientierungslosigkeit, eine veränderte Wahrnehmung von sich selber wie auch von der Umgebung; veränderte Lösungsstrategien 
  • Zukunftsängste, Gedankenkreisen, Insuffizienzgefühle, Entscheidungsunfähigkeit, Suizidalität
  • Probleme beim Ein- wie beim Durchschlafen, oder ein Früherwachen. Auch Albträume können auftreten, teilweise in massiver Weise, welche eine Aktivierung nach sich ziehen, und/oder das Einschlafen stark erschweren.
  • Kiefer- wie auch Nacken- und Rückenschmerzen, Herzrasen, oberflächliches Atmen bis zu hyperventilieren
  • kategorisches Bewerten, Reizbarkeit, Wut und Aggression, ein verändertes Sozialverhalten sowie sozialer Rückzug

Die Kunst, Krisen zu bewältigen besteht in der Einsicht, dass die bisherigen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Sie liegt darin, Hilfe zu holen und mit der Unterstützung von Aussen kleine Veränderungen stattfinden zu lassen, ohne sich dabei unter Druck zu setzen und in die Gefahr ihrer destruktiven Auswirkungen zu kommen. Durch die Unterstützung von Aussen finden Sie den Glauben an Ihre Geduld, im gewohnten Rahmen kleine, sorgfältige Schritte zu wagen, in Richtung neuer Erfahrungen, die sich vom gewohnten Leid unterscheiden.

Wir treffen Sie in einer Lebenswelt an, in welcher Sie sich fremd und hilflos fühlen. Wenn wir gerufen werden, dominieren Probleme und Zweifel, Negatives und Schamhaftes. Um so wichtiger ist es für uns, die wertvollen Seite Ihrer Lebenswelt mit früheren guten Erfahrungen zu verbinden. Diese Werte sind es,  die im Zentrum stehen. In all den vielen Krisenbegleitungen war es für uns immer wieder erstaunlich, mit welchem inneren Wissen viele Menschen ihre Probleme angehen. 

Was tragen psychotherapeutische Methoden bei?

Kognitive Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie nimmt eine zentrale Rolle in der Krisenintervention ein, beispielsweise bei der Klärung des Krisenauslösers, über die vorhandenen inneren Wahrnehmungen und Bewertungen. Der Ansatz der Verhaltenstherapie fokussiert die aktuell wichtigsten Problembereiche und geht diese direkt an.
Die dialektisch-behavorialen Therapieansätze von Marsha M. Linehan gewähren entsprechend Schutz und Sicherheit, sich mit entlastenden und stabilisierenden Verhaltensstrategien wie auch mit Bedingungen zur Krisenverdichtung zu identifizieren. Sie bietet auch eine Basis für Techniken, um die innere Anspannung, die kritischen Emotionen, zu regulieren, wie etwa eine nicht wertende Selbstwahrnehmung zu üben. Diese sogenannte "Achtsamkeitsarbeit" gibt Ihnen hierbei die Möglichkeit, die akute Konfusion von emotionalen, körperlichen, gedanklichen Vorgängen wahrzunehmen. Sie ist ein zentraler Teil, um Ihre Zuständigkeit zur Lösung Ihrer Problematik zu stärken.


Psychodynamische Betrachtung

Es ist für uns Menschen eines der wichtigsten Bedürfnisse, Teil einer Gruppe zu sein. Das stellt uns aber auch immer wieder vor schwierige Herausforderungen. Es sind oft gerade zwischenmenschliche Konflikte, welche eine Krise auslösen. Sich seiner Gefühlsbeziehungen und ihrer verborgenen Bedürfnisse bewusst werden, kann hilfreich sein, um einen Weg aus Lähmung und Wut zu finden. Ungünstige Beziehungs-, resp. Verhaltensmuster können so konstruktiven Bewältigungsformen gegenübergestellt und im Verlauf abgelöst werden. 
Grundsätzlich gilt die Bearbeitung des Hier und Jetzt. Dies im Wissen um die Wandelbarkeit des Deutungszusammenhangs der Vergangenheit wie der Zukunft, nicht nur, aber gerade in der Krise. 
Gerade in Krisen fällt die Abgrenzung von Anderen schwer. Die Klärung der eigenen Strategien sowie der Umgang mit entsprechenden Übertragungsphänomenen sind bei einer selbstwirksamen Beziehungsgestaltung, ohne Verstrickungen in unproduktive Beziehungsmuster, unabdingbar.

Systemische Therapie

Die systemische Therapie bezieht das mitbetroffene Umfeld aktiv in den Lösungsprozess ein. Dieser Ansatz berücksichtigt auch den Einfluss des professionellen Krisenhelfers auf das interaktive Gleichgewicht der Gruppe. Der Fokus besteht dabei nicht nur in der anfänglichen Entlastung von Aufgaben des Hilfesuchenden, sondern auch aller wichtigen Bezugspersonen. Die Problematik wie auch die Lösung wird als Thema der ganzen Gruppe betrachtet.

Eine Krise wirkt auf den Betroffenen wie auf sein Umfeld zumeist bedrohlich, aussichtslos und abschreckend. Durch die Relativierung dieser defizitorientierten Perspektive wird eine Umdeutung scheinbar unlösbarer Konflikte möglich:

  • Umdeutung im Wechsel der Perspektive (wir nennen dies Reframing)
  • Positive Betrachtung von unbeachteten Teilaspekten (positives Konnotieren)
  • Herausarbeiten einer versteckten Hoffnung in Hinblick auf verborgene Lösungsansätze (Wunderfrage)
  • Betrachtungsweise welche auf die Lösung und nicht auf das Problem gerichtet ist (Lösungsorientierung)
  • Betrachtung von Fragen welche Dritte an einen richten würden (zirkuläre Fragen)

Dieser Ansatz ermöglicht es den Betroffenen, wie auch ihrem Umfeld, sich neuen Blickwinkeln zu öffnen, damit sich die in der Krise häufig festgefahrenen Denkweisen aufweichen und Hoffnungen Raum geben.

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 Ihr Peter Urner & Sarah Eymard